Presseberichte

Oberhessische Presse vom 29.1.2005:

Henrix sprach über die Geschichte des Antisemitismus

Marburg. Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz sprach Hans Hermann Henrix über die Mitverantwortung von Christen und Kirchen während der Schoa.
von Nadine Weigel

"Marburg ist eine Stadt, die das, was in der Geschichte geschehen ist, nicht vergisst", sagte Oberbürgermeister Dietrich Möller. Nach einem ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an den 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz in der Elisabethkirche waren am Donnerstag rund 60 Besucher in den Historischen Rathaussaal gekommen.

Hans Hermann Henrix, Vorsitzender des Leiterkreises der Katholischen Akademien in Deutschland und Konsultor der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum beim Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen, nannte Auschwitz "ein Symbol für die Vernichtung des europäischen Judentums".

Die Erinnerung an den 60. Jahrestag der Befreiung sei auch ein Anlass, das Verhältnis von Juden und Nichtjuden zu überprüfen und "zwar im Sinne eines moralischen und religiösen Erinnerns".

Dabei sei moralisches Erinnern etwas anderes als moralische Entrüstung. Der Fachmann für jüdische-katholische Beziehungen skizzierte die Entwicklung des Antisemitismus und schlug einen weiten Bogen bis hin zu Massaker an jüdischen Gemeinden 1096.

Er stellte fest, dass es auch in der Neuzeit nicht zu einer wesentlichen Verbesserung des Verhältnisses der Christenheit zum jüdischen Volk gekommen sei - auch die die Kirchen hätten damals die traditionelle judenfeindliche Einstellung übernommen.

Als im 19. Jahrhundert die religiösen Vorurteile gegen Juden von wirtschaftlichen und sozialen Motiven abgelöst wurden, sei auch die Behauptung aufgetaucht, die Juden gehörten einer minderwertigen Rasse an. "Dieser rassistische Antisemitismus wurde zum zentralen Inhalt des nationalsozialistischen Programms", so Henrix.

Die Frage nach der Mitverantwortung und Schuld der Kirchen an der Schoa - am Tod von sechs Millionen Juden - sei im Lauf der Geschichte nur langsam öffentlich eingestanden worden: "Die offiziellen Stellen und Personen der Kirchen hielten sich bedeckt, kein öffentlicher Protest wurde laut", erinnerte Henrix an das Schweigen der Kirche während des Holocaust.

Das Schuldensbekenntnis der Kirche sei erst langsam gekommen. Den kirchlichen Prozess der Schuldbearbeitung angesichts der Last einer langen Geschichte nannte Henrix "Reinigung des Gedächtnisses".